Tokens sind nicht die neue abrechenbare Stunde
Von Axel Dunkel
Warum wir Agentenarbeit in virtuellen Arbeitseinheiten (vAE) abrechnen
Dienstleistung wird nach Zeit abgerechnet – seit es Dienstleistung gibt. Das funktioniert, solange Menschen die Arbeit machen: Das Gehalt ist zeitbasiert, die Rechnung auch, und beide Seiten haben ein Gefühl dafür, was eine Stunde ist. Sobald Agenten Geschäftsprozeduren übernehmen – Tickets bearbeiten, Rechnungen prüfen, Stammdaten pflegen –, verliert die Stunde ihren Sinn. Ein Agent hat keine Arbeitszeit. Er hat Tokenverbrauch.
Der naheliegende Reflex lautet deshalb: Dann ist eben der Token die neue Stunde. Gehalt ist zeitbasiert, Agentkosten sind tokenbasiert, jeweils plus Infrastruktur – also rechnen wir Token ab. Als interne Kostenrechnung ist der Gedanke sogar richtig. Als Abrechnungseinheit gegenüber dem Kunden scheitert er dreifach.
Drei Gründe, warum der Token als Rechnungseinheit scheitert
Erstens: Token sind nicht fungibel. Eine Facharbeiterstunde ist über Jahre hinweg vergleichbar. Ein Token nicht: Zwischen einem kleinen und einem Frontier-Modell liegen pro Interaktion schnell zwei Größenordnungen Preisunterschied – und welches Modell zum Einsatz kommt, entscheidet der Anbieter, nicht der Kunde.
Zweitens: Token sind für den Kunden nicht auditierbar. Reasoning-Token, Wiederholungsversuche, Agenten-Schleifen, Kontext-Overhead – all das bläht den Verbrauch auf, ohne dass der Kunde es sehen oder beeinflussen kann. Die abrechenbare Stunde hatte wenigstens eine Uhr, auf die beide schauen konnten. Der Tokenzähler läuft im Maschinenraum des Anbieters.
Drittens: Token deflationieren dramatisch. Analysen von Epoch AI zufolge fallen die Inferenzpreise für vergleichbare Modellleistung im Median um rund den Faktor 50 pro Jahr. Ein heute fixierter Euro-Preis pro Token ist in zwölf Monaten entweder absurd teuer oder ruinös billig.
Und es gibt einen vierten, leiseren Grund: das Effizienzparadox. Wer seinen Agenten besser macht – mit einer gepflegten Wissensbasis, gutem Kontext-Management, Caching –, senkt dessen Tokenverbrauch. Bei roher Token-Abrechnung senkt er damit unkontrolliert seinen eigenen Umsatz. Ein Abrechnungsmodell, in dem Qualitätsinvestitionen als Kollateralschaden den Erlös zerlegen, ist strukturell falsch – wenn schon teilen, dann bewusst und mit Ansage. Dazu später mehr.
Die Branche hat das erkannt und flüchtet in Abstraktionen: Cognitions Devin rechnet in „Agent Compute Units", die ungefähr einer Viertelstunde aktiver Agentenarbeit entsprechen; Salesforce führte für Agentforce „Flex Credits" ein; und wer lange genug dabei ist, erinnert sich an IBMs „Million Service Units" auf dem Mainframe – eine reine Abrechnungsgröße, bewusst entkoppelt von der physischen Maschine. Das Muster ist immer dasselbe: weg vom Rohverbrauch, hin zu einer normalisierten Einheit.
Uns kam dieses Muster merkwürdig bekannt vor.
Das haben wir schon einmal gebaut
Im Oktober 2008 – lange bevor „Cloud" hierzulande ein Thema war – haben wir mit der damaligen Dunkel GmbH begonnen, virtuelle Maschinen nutzungsbasiert und stundengenau abzurechnen; die Ankündigung von damals ist im Internet Archive erhalten . Wir standen vor exakt derselben Frage: Was schreibt man auf die Rechnung? CPU-Sekunden, Megabyte-Stunden und I/O-Operationen sind ehrlich, aber für Kunden unlesbar – und mit jeder Hardware-Generation bedeuten sie etwas anderes.
Unsere Antwort damals hieß VE, die Virtuelle Einheit: eine Referenzmaschine aus 1 vCPU, 1 GB RAM und 20 GB Disk zu einem festen Stundenpreis – seinerzeit etwa 0,20 €. Ein Kalkulator verglich die konkrete Kundenmaschine mit dieser Referenz: Wer das 3,5-Fache an Ressourcen belegte, zahlte das 3,5-Fache. Eine Zahl, sofort verständlich, stabil über Hardware-Generationen hinweg.
Heute stehen wir wieder an derselben Stelle – nur ist die Ressource diesmal keine Maschine, sondern Arbeit.
Die virtuelle Arbeitseinheit (vAE)
Also haben wir das Muster ein zweites Mal angewandt und eine Referenzeinheit für Arbeit definiert:
1 vAE entspricht dem Leistungswert von 15 Minuten qualifizierter menschlicher Facharbeit – unabhängig davon, ob ein Mensch oder ein Agent die Arbeit erledigt.
Das klingt nach einer verkleideten Viertelstunde – ist es aber nicht: Die vAE misst keine Zeit, sie ist ein Katalogwert. Die 15 Minuten sind der Eichstrich, nicht die Stoppuhr.
Abgerechnet wird in Viertelschritten. Jede katalogisierte Prozedur bekommt eine feste vAE-Zahl je Komplexitätsklasse: einfache Vorgänge wenig, mehrstufige Abläufe mehr. Der Kunde weiß vor der Ausführung, was ein Vorgang kostet, und die Rechnung nennt Leistung, Klasse und vAE-Zahl. Fertig.
So sieht das konkret aus – eine Rechnungszeile, bewusst generisches Beispiel: „Rechnungsprüfung Standardfall – Klasse S – 2 vAE." Der Kunde kennt den Preis, bevor die Arbeit beginnt; wer sie erledigt hat, steht nicht auf der Rechnung – und muss es auch nicht.
Das Wort „virtuell" ist dabei wörtlich gemeint: Die Einheit abstrahiert vom Erbringer. In unserem System – wir nennen es Bureau – definiert die Prozedur die Arbeit; wer sie ausführt, entscheidet sich zur Laufzeit nach Fähigkeiten und Verfügbarkeit: ein Mensch, ein LLM-Agent, ein deterministisches Skript oder eine Kombination aus allen dreien. Auf der Rechnung steht in jedem Fall dieselbe Währung. Es gibt keinen KI-Tarif und keinen Menschen-Tarif. Es gibt erledigte Arbeit.
Bleibt die Frage, was mit Arbeit passiert, für die es noch keinen Katalogeintrag gibt. Dazu gleich – erst ein Fund, der uns selbst überrascht hat.
Die Bestätigung parkt in jeder Werkstatt
Als das vAE-Konzept stand, fiel uns auf, dass ein sehr bodenständiges Gewerbe strukturell exakt dieses System betreibt – seit Jahrzehnten. Falls Sie dachten, die „AW" auf Ihrer Kfz-Werkstattrechnung seien einfach Zeiteinheiten: Wir dachten das ehrlich gesagt auch. Sind sie aber nicht.
Ein Arbeitswert ist eine Katalogeinheit. Der Hersteller legt in Richtzeiten-Katalogen fest, wie viele AW eine Standardarbeit kostet – „Bremsbeläge vorn erneuern: 8 AW" –, und der Betrieb legt fest, was ein AW kostet. Ob der Mechaniker real 35 oder 55 Minuten braucht, ändert den Preis nicht: Wer schneller ist als die Richtzeit, behält die Differenz als Marge; der Kunde zahlt exakt den Preis, den er vorher kannte.
Diese unabhängige Konvergenz ist für uns der stärkste Beleg für das Muster: Wo Rohverbrauch als Rechnungsgröße versagt – ob CPU-Sekunden, Schrauberminuten oder Token –, entsteht früher oder später dieselbe Lösung: eine normalisierte, katalogisierte Referenzeinheit. Die Werkstatt hat sie, die Cloud hatte sie, die Agenten-Ökonomie wird sie brauchen.
Zwei Tarife, eine Einheit
Die Werkstatt kennt allerdings auch die Grenze des Katalogs: Die Fehlersuche am stotternden Motor steht in keiner Richtzeiten-Tabelle – sie wird nach Aufwand berechnet. Genau dieselbe Verzweigung bauen wir in die vAE ein.
Für katalogisierte Prozeduren gilt der Pauschaltarif: fester vAE-Wert, fester Preis. Wird unser System effizienter – bessere Wissensbasis, bessere Modelle, klügere Prozeduren –, sinken unsere Kosten, nicht Ihr Preis. Diese Marge finanziert die Pflege des Katalogs und der Wissensbasis.
Für Arbeit ohne Katalogeintrag – das klassische offene Störungsticket – gilt der gemessene Tarif: Der tatsächliche Aufwand wird in vAE umgerechnet und genau so abgerechnet. Und hier drehen wir die Logik bewusst um: Wird der Agent besser, sinkt Ihre Rechnung sofort. Verbesserungen, von denen ausschließlich der Anbieter profitiert, fänden wir schief – im gemessenen Tarif teilen wir sie.
Damit der gemessene Tarif kein Blankoscheck wird, startet jeder offene Vorgang mit einem vAE-Budget; zeichnet sich eine deutliche Überschreitung ab, hält die Bearbeitung an und holt eine Freigabe ein – die Logik des Kostenvoranschlags. Und es gibt einen eingebauten Kreislauf: Offene Arbeiten, die wiederkehren, werden vermessen, stabilisieren sich und wandern als neue Einträge in den Katalog. Genau so sind übrigens auch die Richtzeiten-Kataloge der Werkstätten entstanden.
Bleibt die berechtigte Frage, die man auch der Werkstatt stellen würde: Wer prüft das eigentlich nach? Genau hier endet die Analogie – zu unseren Gunsten. Jede Ausführung ist bei uns vollständig protokolliert; auf Wunsch schaut der Kunde bis auf die einzelnen Arbeitsschritte und den Tokenverbrauch in die Ausführungs-Logs. Die Werkstatt kann das nicht bieten. Wir schon.
Und wenn sich die Welt ändert?
Die größte Gefahr abstrakter Abrechnungseinheiten ist nicht ihre Abstraktheit – es ist ihre Instabilität. Wer seine Einheit oder sein Modell alle paar Monate umbaut, verspielt genau das Vertrauen, das die Einheit stiften soll; die Branche hat dafür in den letzten anderthalb Jahren anschauliche Beispiele geliefert.
Deshalb gilt bei der vAE: Die Definition bleibt stabil. Was sich anpassen darf, ist allein der Preis pro vAE – nicht im Takt der Chippreise, sondern jährlich, gekoppelt an die Entwicklung der IT-Facharbeitslöhne. Das ist konsequent: Eine Einheit, die menschliche Facharbeit abbildet, folgt preislich dem Arbeitsmarkt, den sie ersetzt – nicht dem Rechenzentrumsmarkt, auf dem sie eingekauft wird. Auch das kennen wir von der VE: Die Hardware darunter wurde über die Jahre um Größenordnungen billiger. Die Einheit blieb dieselbe.
Wir bauen das gerade
Bei Dunkel Cloud entsteht mit Bureau die Umgebung dafür: Geschäftsprozeduren werden deklarativ beschrieben, und Agenten arbeiten sie ab – wobei „Agent" bei uns wörtlich gemeint ist: Mensch, LLM oder Skript. Das System vergibt Arbeit nach Fähigkeiten, nicht nach Gattung. Die vAE ist die Währung dieser virtuellen Firma.
Wenn Sie finden, dass wir irgendwo falsch abgebogen sind: Sprechen Sie uns an – genau zur Diskussion stellen wir dieses Konzept hier.